MATZLEINSDORFERPLATZ

Der Matzleinsdorferplatz beschäftigt mich länger, als ich ursprünglich für möglich gehalten habe. Dem bekannten und stark frequentierten Platz im Süden von Wien, zwischen dem 5. und 10. Gemeindebezirk wird wenig Beachtung geschenkt, kaum Liebe entgegen gebracht oder Sinn beigemessen. Er wird aufgesucht, gebraucht, verwendet, verlassen. Ein Platz mitten im Verkehr, ein mehrschichtiges Verkehrsbauwerk und ein Verkehrsknotenpunkt - das ist der Matzleinsdorferplatz. An Ereignissen arm und ohne Geschichte sei der Platz, so die gängige Meinung. Ein Nicht-Ort oder Unort. Schmutzig und häßlich sei der Platz. Es herrsche ein heilloses Wirrwarr, ein ästhetischer Supergau sei der Platz, eine Verkehrshölle. Überhaupt und eigentlich, ist das vielleicht am Ende gar kein Platz?

[kleinbilddia-scan-ultraschallbild "putzkuebeltraum", 2009, 14cm x 10,5cm]

Eine Schnellbahn fährt oben in der Station ein. Eine Überwerfung: Auch über die neue Gleisrampe gleiten jetzt Züge über den Matzleinsdorferplatz. Unter dem Viadukt rollen Autos, LKWs, Busse, einzelne Fahrräder, Einsatzfahrzeuge oder Motorräder. Stiegen, Rolltreppen, neuerdings Lifte führen in Unterführungen, durch Passagen in den Untergrund, zur Unterpflasterstraßenbahn. Dort ist eine Stationsaufsicht. Ein neues Leitsystem, neue Fliesen und ein neues Lichtkonzept - das Personenfließband ist länger außer Betrieb. Die Metallbuchstaben "MATZLEINSDORFERPLATZ" sind demontiert. Am Gürtel senkt sich die Straße. Als mehrspurige Unterfahrung geht sie unter dem Platz durch. Da unten sind noch Kabelschächte, Rohrleitungen und die Wasserleitung. Am Platz sind Ampeln, Verkehrszeichen, Zebrastreifen und Markierungen. Bald kommt die U-Bahn.

Der Matzleinsdorferplatz ist für mich ein Vehikel, mit dem ich eine kritische Praxis probiere. Ein Ort - mit Geschichte, an dem Menschen leben und gelebt haben. Ist der Platz im besten Sinne eine Witzfigur? Ich spreche über Stadtgeschichte, über Ordnungspolitik, Stadtentwicklung und Kunst. Drei Figuren lassen mich dabei nicht los: die Baustelle, der Verkehr und das Verhältnis von Schmutz&Sauberkeit. Und so verknüpfe ich die Bauteile mehr und mehr zu einer verschränkten Arbeit. Immer wieder kehre ich zum Matzleinsdorferplatz zurück.





und die Beschäftigung geht weiter:

shift
im rahmen der shift-kunstförderung baue ich an einer website, mache mit ehemaligen bauarbeitern und anrainer_innen des platzes das oral-history projekt "geschichtsbaustelle matzleinsdorferplatz", ich plane ein kleines festival, das im mai und juni im ehemaligen feuerwerksladen am platz (gudrunstraße 196b) statt finden wird und ich arbeite an der veröffentlichung der beiden textfragmente zum matzleinsdorferplatz und zur geschichte der geschichtswerkstättenbewegung in österreich.

ICH DANKE


[kleinbilddia-scan-ultraschallbild "verkehrsbauwerk mit goldhaube", 2009, 14cm x 10,5cm]

[verkehrspostkarte; zitat aus dem verkehrserziehungsfilm "achtung! stadtverkehr"]

kunstplatz:matzleinsdorferplatz

Im Spätherbst 2005 machte ich mit Freunden und Freundinnen des Café Temelín "Aktionstage" auf einer Verkehrsinsel am Matzleinsdorferplatz. Der Titel verweist auf den sog. "Kunstplatz Karlsplatz" eine kulturpolitische Initiative zu Beginn des neuen Jahrtausends, mit der die dort ansäßigen großen Kunsthäuser bzw. Museen auf die Gestalt und Nutzung des Karlsplatzes Einfluß nehmen wollten.

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